Vor 150 Jahren verhinderte der Asbacher Eisenbahner Benedikt Weber ein schweres Zugunglück

Ein Beitrag von Sebastian Parzer, Heimatverein Obrigheim, 2026 (Erstveröffentlichung in Obrigheim gestern und heute 2019)

Mit der Eröffnung des Teilstücks Heidelberg-Mosbach der sogenannten ,Odenwaldeisenbahn“ war Asbach im Herbst 1862 an das Schienennetz angeschlossen worden. Von Heidelberg aus folgte die erste Eisenbahnlinie des badischen Nordostens bis Neckargemünd dem Lauf des Neckars, durchlief dann das Elsenz- und das Schwarzbachtal, bevor sie über Asbach, Mörtelstein, Obrigheim und Neckarelz die Amtsstadt Mosbach erreichte. Damals verfügte noch nicht jede an der Strecke liegende Gemeinde über eine eigene Bahnstation. Im kleinen Odenwald und im Elzmündungsraum gab es anfänglich nur Bahnhöfe in Aglasterhausen, Asbach und Neckarelz. 1866 wurde die gesamte Strecke zwischen Heidelberg und Würzburg dem Verkehr übergeben. Auf der eingleisigen Bahnlinie verkehrten anfänglich täglich in beiden Richtungen vier Personenzüge. Kurze Zeit später wurde die Zahl der Personenzüge auf fünf erhöht. Um die Kreuzung zweier Züge zu ermöglichen, hatte man in den an der Strecke gelegenen Stationen jeweils zwei Gleise verlegt.

Ende der 1860er Jahre kreuzten sich die beiden letzten am späten Nachmittag bzw. am Abend in Würzburg und Heidelberg startenden Züge kurz vor 10 Uhr in Neckarelz. So sollte dies auch am Abend des 6. März 1869 geschehen. Da der aus Heidelberg kommende Zug jedoch große Verspätung hatte, entschieden die Verantwortlichen in Mosbach, dass die Kreuzung der beiden Züge in Aglasterhausen erfolgen sollte, und teilten dies dem dortigen Bahnhof auf telegrafischem Weg mit. Allerdings war der Zug in Aglasterhausen bereits abgefahren. Obwohl nicht damit betraut, erfuhr der Asbacher Billetausgeber Benedikt Weber, der den telegraphischen Verkehr verfolgte, von dieser verhängnisvollen Fehlentscheidung. Weber reagierte geistesgegenwärtig und verhinderte in Asbach die Abfahrt des Richtung Würzburg verkehrenden Zuges. Nur wenige Minuten später traf der Gegenzug in der Station ein. Durch sein beherztes Eingreifen konnte der Asbacher Eisenbahner einen Zusammenstoß der Züge verhindern, der möglicherweise in einem der beiden bei Mörtelstein gelegenen Eisenbahntunnel erfolgt wäre.

Am 18. März 1869 berichtete die in Karlsruhe erscheinende „Badische Landeszeitung“ über das vorbildliche Verhalten Benedikt Webers:

„Vom Neckar, 12. März. Letzten Samstag, den 6. d. M., hätte auf der Linie Mosbach-Heidelberg ein U n g l ü c k geschehen können, wie wohl in Baden glücklicherweise bis jetzt keines vorgekommen ist. Fahrplanmäßig haben sich die beiden Nachtzüge Nr: 60 u. Nr: 65 in Neckarelz Abends um 9 Uhr 57 Minuten zu kreuzen. Da sich nun der eine Zug etwas Weniges verspätet hatte, so wurde auf Anordnung der zuständigen Behörde Mosbach die Kreuzung nach Aglasterhausen verlegt, und zwar zu einer Zeit (9 Uhr 50 Min., während die Abfahrtszeit des Zuges 9 Uhr 28 Min. ist), in welcher der Heidelberger Zug Aglasterhausen bereits passirt hatte. Expeditor E r n s t in Aglasterhausen unterbrach aber die bezügliche Depesche, um keine Zeit zu verlieren u. einem Unglück vorzubeugen, u. erwiderte, daß der Zug bereits fort sey. Billetausgeber W e b e r in Asbach wurde auf die durchgehenden Dienstdrahtberichte aufmerksam und nahm ebenfalls die nach Aglasterhausen gerichtete Depesche ab. Bei Eintreffen des Heidelberger Zuges verständigte er hierüber das Dienstpersonal, und gelang es ihm, dasselbe zu bestimmen, ohne höhere Weisung zu halten. Er ließ sofort die nöthigen Lichter anzünden, überhaupt alle Vorkehrungsmaßregeln treffen, die bei einer stattfindenden Kreuzung nöthig sind, und kaum war Alles in Ordnung, als der von Mosbach kommende Zug mit vollem Dampf an die Haltestelle heranfuhr. Denke man sich den Schrecken der Reisenden und des Dienstpersonals, das sich sagen mußte, vor einigen Minuten wären wir sämmtlich auf die schauderhafteste Art umgekommen, wenn nicht Bilettausgeber Weber für einen Depeschenwechsel sich interessiert hätte, der unmittelbar ihn selbst nichts anging, und in Folge dessen Vorkehrungen getroffen hätte, die er nur auf eigene Verantwortlichkeit vornehmen konnte. Berücksichtigt man die außerordentlichen Geländeverhältnisse dieser Strecke, z. B. Steigung von 1-70, 3 Tunnel zc., so ist kaum zu begreifen, warum einiger Minuten Verspätung wegen von der Hauptstelle Mosbach vorgeschriebene Kreuzungen in der letzten Minute telegraphisch verlegt wurden, und zwar, wie diesmal geschehen, zu einer Zeit, in welcher beide Züge schon von den Haltestellen abgefahren, ohne daß beide Zugführer davon verständigt waren. Ich glaube, man sollte mit dem Leben der Reisenden kein Spiel treiben, wenn aber, wie diesmal, ein großes Unglück verhütet wurde, die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen, diejenigen aber, die ihre volle Schuldigkeit u. mehr gethan, das Unglück zu verhüten, auch belohnen.“

In den Tagen danach berichteten auch andere badische Nachrichtenblätter über die in Asbach verhinderte Beinahekatastrophe. So am 19. März 1869 der „Odenwälder Bote“ aus Mosbach und am 20. März 1869 der „„Buchener Anzeiger“. Der Einsatz Benedikt Webers wurde nicht nur in der damaligen Presse gewürdigt. Sieben Wochen später zeichnete Großherzog Friedrich I. von Baden ihn mit der Silbernen Verdienstmedaille aus.

Erstes Empfangsgebäude von Asbach (1862-1911). Aus: Sammlung der wichtigeren Bauobjecte der Gr. bad. Oden-waldbahn zwischen Heidelberg und Mosbach: enthaltend 64 Blätter Zeichnungen u. 2 Blätter Text, zus.gest. u. gezeichnet durch die Eleven des 2. Curses d. Ingenieur-Schule am Grosh. Polytechnicum zu Carlsruhe im Studienjahr 1862/63, Karlsruhe 1863.
Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe 421 K2 27
Seitenansichten vom zweites Empfangsgebäudes von Asbach (1911-heute). Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe 364 1972-81 899

Quellen:

Badische Landeszeitung 1869, Nr. 65, 18. März 1869 – Erstes Blatt

Staats-Anzeiger für das Großherzogtum Baden,1869, Nr. 8 vom 19. Mai 1869, S. 121


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