– Der langjährige Kampf der Gemeinde Mörtelstein um einen Bahnanschluss –
Ein Beitrag von Sebastian Parzer, Heimatverein Obrigheim, 2026 (Erstveröffentlichung in Obrigheim gestern und heute 2008)
Als der erste Abschnitt der „Odenwaldeisenbahn“ im Jahre 1862 zwischen Heidelberg und Mosbach eröffnet wurde, gab es in Mörtelstein und in Obrigheim noch keine Bahnhöfe. Die Personenzüge hielten nur in Asbach, das auch Station für die umliegenden Gemeinden Mörtelstein, Binau, Kälbertshausen und Breitenbronn war. Die Obrigheimer Bürger waren dagegen auf den Neckarelzer Bahnhof angewiesen, der sich unweit der Eisenbahnbrücke befand.In Obrigheim wurde erst um die Jahrhundertwende und in Mörtelstein schließlich vor einhundert Jahren ein Haltepunkt geschaffen.
Allerdings wurde bereits beim Bau der Strecke eine Station in Mörtelstein gefordert, da dort die Orte am unteren Neckar bis Eberbach den besten Zugang zur neuen Bahnlinie hatten. Eine Bahnlinie durch das Neckartal gab es damals noch nicht. Diese wurde erst 1879 eröffnet. So hieß es am 4. August 1860 im „Odenwälder Boten“: „Durch den Bau der Odenwälder Eisenbahn über Mörtelstein, ist der Wunsch mehrerer umliegender Gemeinden rege geworden, einen Stationsplatz in Mörtelstein errichtet zu sehen. Dieser Wunsch dürfte dringend Berücksichtigung verdienen, wenn man in Anschlag bringt, dass die Umgebung von Mörtelstein bis Eberbach, also beinahe der ganze Bezirk des Amtsgerichts Eberbach, und ein Theil der Bezirksämter Mosbach und Eberbach, ohngefähr 12 bis 14 Ortschaften, dorthin influiren würden. Insbesondere dürfte die Stadt Eberbach diese Berücksichtigung schon allein wegen ihrer Einwohnerzahl und ihre und Gewerbestandes verdienen, da es zudem im Plane liegt, eine Omnibusfahrt zwischen Eberbach, Binau und Mosbach einzurichten, wodurch ermöglicht wird, die Reisenden nach Mörtelstein zu bringen und von dort wieder abzuholen. Es dürfte der beanspruchte Stationsplatz nicht blos zur Annehmlichkeit der Umwohner; sondern auch zur Rentabilität der Bahn beitragen. “ Doch blieb diese Forderung damals unberücksichtigt, und mit dem Bau der Neckartalbahn wenige Jahre später erfolgte die Verkehrserschließung des Neckartals auf andere Weise.
Aber in Mörtelstein bestand das Interesse an einer eigenen Station fort. An der Wende zum 20. Jahrhundert besaß Mörtelstein zusammen mit der Nachbargemeinde Binau einen gemeinsamen Pfarrer und zeitweise auch einen gemeinsamen Ratsdiener, für die die Ausübung ihres „Doppelamtes“ bei Hochwasser oder Eisgang nicht möglich war, Vom Jahre 1896 an wurde die Gemeinde unter Führung von Bürgermeister Ludwig Bernhard in der Angelegenheit aktiv. Schließlich entschieden die Gemeindevertreter, sich mit einer Bittschrift an den badischen Landtag in Karlsruhe zu wenden. Ende Januar 1898 ging die Mörtelsteiner Petition, der sich auch die Gemeinden Binau, Breitenbronn, Neckarkatzenbach und Neunkirchen anschlossen, bei der 2. Kammer der badischen Ständeversammlung ein. Vor allem die starke Steigung der Bahnlinie zwischen den beiden Tunneln sprach aber gegen die Einrichtung einer Haltestelle. Die „Badische Staatseisenbahn“ wies auf die Steigungsverhältnisse daraufhin, dass ein Stopp von Personenzügen nur bei einer aufwändigen und technisch bedenklichen Umtrassierung der Strecke oder durch den kostspieligeren Einsatz stärkerer Lokomotiven möglich sei. Daher blieb die Petition erfolglos, ebenso wie zwei weitere Bittschriften der Kommune in den folgenden Jahren.
Anfang Januar 1906 startete die Gemeinde mit einer vierten Petition an die badische Ständeversammlung einen weiteren Versuch. In der Landtagsdebatte vom 6. April desselben Jahres wurde die erneute Mörtelsteiner Bitte im Plenum diskutiert. Der Mosbacher Abgeordnete Johann Heinrich Bansbach (Konservativer) führte dabei die Vorzüge eines Haltepunkts in der Gemeinde an:
„Es kommen außer Mörtelstein noch vier Orte mit zusammen 2000 Einwohnern mit in Betracht, nämlich Binau, Breitenbronn, Neckarkatzenbach und Neunkirchen. Die Haltestelle Mörtelstein wäre demnach sehr nötig und ich glaube noch rentabler als die Station Obrigheim. Ich war vor einiger Zeit in Mörtelstein und habe die Sache auf dem Platze angesehen. Die Leute führen bittere Klage darüber, daß man jahraus jahrein die Züge vorbeifahren sieht, ohne daß sie dieselben nützen können. Handel und Verkehr in Mörtelstein sind gehemmt. Es kommen weniger Handelsleute und Metzger ins Dorf und infolge dessen bekommen die Leute oft 10-20 Mark weniger für ein Stück Vieh, als sie bekämen, wenn der Ort mehr dem Verkehr erschlossen wäre. Auch bekommen die Mörtelsteiner nur 9 Pfennig für das Liter Milch, während in anderen mehr dem Verkehr erschlossenen Orten für die Milch 12-15 Pfennig bezahlt wird. Ich darf ferner daran erinnern, daß von den bereits erwähnten Orten mehr Schüler die landwirtschaftliche Winterschule und das Realprogymnasium und mehr Schülerinnen die Kochschule in Mosbach besuchen könnten, wenn eine Haltestelle in Mörtelstein errichtet würde. Auch für die Arbeiter, welche im Diedesheimer Zementwerk arbeiten, wäre Mörtelstein der geeignetste Ein- und Aussteigepunkt. Ich gehe aber noch weiter und glaube, daß Mörtelstein infolge der nahen Steinbrüche in nicht allzu ferner Zeit eine Güterhaltestelle nötig haben würde.“
Der nationalliberale Landtagsabgeordnete Heinrich Neuwirth aus Neckarbischofsheim warf in die Debatte ein:
„Es ist jenseits des Neckars noch eine weitere Station Binau und schon vor zwei Jahren ist ausgeführt worden, daß für die Gemeinde Mörtelstein auch dort eine Station sei. Ja wir wissen doch genau, daß gerade die Bewohner Mörtelsteins, die mit dem letzten Zug dort ankommen, über den Neckar übersetzen müssen, was eine sehr gefährliche Sache ist! Es ist noch nicht lange her, daß ein Kahn untergegangen ist, der nachts nach dem letzten Zug übergefahren ist, und das etliche Personen dabei ertranken.“
Hauptfürsprecher für den Bahnanschluss Mörtelsteins war aber der nationalliberale Fraktionsvorsitzende und Mannheimer Landgerichtspräsident Rudolf Obkircher. Er hatte einige Zeit den Wahlkreis Mosbach vertreten und hatte sich schon in den Jahren zuvor vehement für einen Haltepunkt stark gemacht. Er beschwerte sich in der Aussprache, dass es in Mörtelstein ein Signal gab, um bei Bedarf Güterzügen vor dem Tunnel die Einfahrt in den Asbacher Bahnhof zu verwehren, ein regelmäßiger Halt von wesentlich leichteren Personenzügen aus Sicht der Eisenbahnverwaltung aber nicht möglich sei. Auf seine Empfehlung hin besuchte dann der für das Eisenbahnwesen zuständige badische Staatsminister Adolf Ludwig Marschall von Bieberstein im Juli 1907 den umstrittenen Streckenabschnitt bei der Neckartalgemeinde.

Schließlich gab die badische Regierung der Petition der Gemeinde Mörtelstein statt. In der Landtagsdebatte vom 14. Januar 1908 konnte der Abgeordnete Obkircher zufrieden feststellen, „daß es trotz all der Widerstände, welche die Errichtung dieser Haltestelle bei den Technikern der badischen Eisenbahnverwaltung gefunden hat, der Großherzoglichen Regierung gelungen ist, sich heute günstig zu der Frage zu stellen. “
Anfang Juli desselben Jahres gab die 2. Kammer der badischen Ständeversammlung im Rahmen des Eisenbahnbauetats 1908/09 die für die Einrichtung der Haltestelle notwendigen Mittel in Höhe von 6600 Mark frei. Nur vier Monate später konnte der neue Haltepunkt in Mörtelstein am 15. November 1908 feierlich eröffnet werden. Als Stationsgebäude diente vermutlich zunächst ein vorhandenes Bahnwärterhaus. Erster Vorsteher der Station wurde der Bahnbeamte Schruft, der von Offenau in den Kleinen Odenwald versetzt wurde.
Am Eröffnungstag wurden rund 200 Fahrkarten verkauft und das Personal der haltenden Züge mit Speisen und Getränken bewirtet. Am Nachmittag zogen die Gemeindevertreter mit dem Gesang- und dem Militärverein zum festlich geschmückten Bahnhofsgebäude, wo um 1 Uhr der Zug mit den offiziellen Repräsentanten empfangen wurde. Der Binauer Pfarrer Theodor Schmitt und der Landtagsabgeordnete Johann Heinrich Bansbach hielten die Festansprachen. Anschließend gingen die Feierlichkeiten im Mörtelsteiner Gasthof ,ZumLöwen“ weiter.
An der neuen Station in Mörtelstein konnten neben Personen auch Gepäck, Expressgut und Milch abgefertigt werden. Ein paar Wochen nach der Eröffnung wurde auch das Verladen von Kleinvieh in Einzelsendungen in der Neckartalgemeinde genehmigt. Für die Güterabfertigung war dagegen nach wie vor der Bahnhof in Asbach zuständig. In den wenigen Wochen bis zum Jahresende wurden in Mörtelstein bereits 1793 Fahrkarten verkauft sowie 1,97 t Gepäck, Expressgut und Milch und neun Tiere ver- bzw. entladen. Im Geschäftsjahr 1909 betrug die Anzahl der Reisenden schon 9993 Personen. Im selben Zeitraum wurden 22,57 t Gepäck, Expressgut und Milch und 78 Stück Vieh abgefertigt. 1910 benutzten dann 11.035 Personen den Haltepunkt Mörtelstein und es wurden in jenem Jahr 48,75 t Gepäck, Expressgut und Milch sowie 104 Tiere ver- oder entladen. Damit hatte die Station nun ein höheres Personenaufkommen als Asbach (10952 Reisende) und Obrigheim (8661 Reisende). Diese positive Entwicklung blieb nicht folgenlos. Im gleichen Jahr wurde ein neues Bahnhofsgebäude erstellt. Zum 1. März 1912 wurde in Mörtelstein schließlich eine Eilgüterstation eingerichtet. Damit zeigte sich deutlich, wie wichtig ein Bahnanschluss für kleine Gemeinden im ländlichen Raum war, bevor es zur Automobilisierung der Bevölkerung kam.
Quellen:
- Badische Neckar-Zeitung, 14., 17. und 19. November 1908.
- Heidelberger Tageblatt, 9. Juli und 22. November 1907.
- Jahresbericht für die Staatseisenbahnen und die Bodensee-Dampfschiffahrt im Großherzogtum Baden
(Jahrgänge 1908-1912). - Odenwälder Bote, 4. August 1860.
- Sitzungen der 2. Kammer der badischen Ständeversammlung (Sitzungen vom 21. Januar und 21. Mai 1898, vom 20. Januar und 6. April 1906 sowie vom 14. Januar und 7. Juli 1908).
- Staatsanzeiger für das Großherzogtum Baden (Jahrgang 1908).
Literatur:
Albert Kuntzemüller, Geschichte der badischen Eisenbahn, 2. Auflage, Karlsruhe 1953.
Mein Dank gilt Herrn Markus M. Wieland, Mörtelstein, der mir wichtige Hinweise gab und einen Einblick in sein Privatarchiv ermöglichte.