Verbesserung der lokalen Infrastruktur vor 130 Jahren
Ein Beitrag von Sebastian Parzer, Heimatverein Obrigheim, 2026
Nach der Eröffnung des zwischen Heidelberg und Mosbach über den Kleinen Odenwald verlaufenden ersten Teilstücks der badischen Odenwaldbahn im Oktober 1862 gab es im Elzmündungsraum lediglich Bahnstationen in Asbach, Neckarelz und Mosbach. Die anderen Orte der Gegend wurden auf diese Haltepunkte verwiesen. So richtete man auf Betreiben der jüdischen Kaufmannschaft von Binau eine Fähre zwischen Mörtelstein und Binau ein, damit die Bewohner des Neckartals besser zum Asbacher Bahnhof gelangen konnten. Bald kam aber auch in anderen an der Bahnlinie liegenden Gemeinden, der Wunsch auf, direkter an das neue Verkehrsmittel angeschlossen zu werden.
Einrichtung und Eröffnung des Bahnhofs
Erstmals wandte sich die Gemeinde Obrigheim deshalb 1863 an die badische Ständeversammlung. Doch erst Mitte 1892 gaben die Verantwortlichen in der badischen Regierung dem Wunsch der Kommune satt. Dafür wurde allerdings kein neues Aufnahmegebäude erstellt, sondern ein vorhandenes Bahnwärterhaus unweit der nach Aglasterhausen führenden Landstraße zum Stationsgebäude umgebaut. Dieses befand sich im Bereich der heutigen Abfahrt „Obrigheim-West“ der B 292. Anfang September 1892 wurden die Arbeiten zum Umbau der Wartstation 46 sowie zur Errichtung einer öffentlichen Toilette in der „Badischen Landeszeitung“ ausgeschrieben. Schließlich konnte die Station in Obrigheim am 1. Mai 1893 eröffnet werden, was im Ort groß gefeiert wurde. An diesem Tag wurde der erste in der Gemeinde haltende Zug mit Böllerschüssen begrüßt. Das neue Bahnhofsgebäude war mit Kränzen und Girlanden geschmückt, während sämtliche Gebäude des Ortes Flaggenschmuck trugen. Dem Personal der haltenden Züge wurden auf Kosten der Gemeinde Erfrischungen gereicht. Abends fand ein Bankett im Gasthaus „Lamm“ statt, bei dem Bürgermeister Philipp Horn, Hauptlehrer Wilhelm Staubach und Unterlehrer Johann Schupp die Festreden hielten. Gegen 10 Uhr abends zog ein von Mitgliedern des örtlichen Gesangvereins und des Militärvereins sowie der Feuerwehr gebildeter Fackel- und Lampionzug zum neuen Bahnhof, wo der letzte dort an diesem Tag haltende Zug mit Musik empfangen wurde.

Betrieb der Station
Bis zum Jahresende acht Monate später wurden in Obrigheim 1636 Fahrkarten ausgegeben. Eine Dekade später belief sich die Zahl der dort ausgegebenen Fahrkarten im Betriebsjahr 1903 auf 3261. 1910 forderte die Gemeinde auch die Einrichtung einer Güterstation. Allerdings dauerte es bis zu Beginn der 1930er Jahre, bis eine solche in Obrigheim eröffnet wurde. Im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs mussten die Schaffner der nach Mosbach
verkehrenden Züge im Bahnhof Obrigheim die Jalousien der Personenwagen schließen, denn die Fahrgäste sollten nichts von den Rüstungsaktivitäten im Bereich des örtlichen Gipsbergwerks mitbekommen. Nach Sprengung der Eisenbahnbrücke über den Neckar bei Kriegsende im April 1945 wurde die Station zum Endpunkt der von Heidelberg über den Kleinen Odenwald in den Elzmündungsraum verlaufenden Bahnlinie. Von Obrigheim verkehrten Busse nach Neckarelz. Östlich des Bahnhofs schuf man ein Umsetzanlage, wo die Lokomotiven für die Rückfahrt vom Anfang an das Ende des Zuges umgesetzt werden konnten. Zuletzt wurden auf der Strecke allerdings hauptsächlich Schienenbusse der Baureihe VT 95 eingesetzt, die eine derartige Gleisanlage eigentlich nicht benötigten. Anfang der 1950er Jahre verkehrten täglich noch sechs Züge zwischen Meckesheim und Obrigheim. Ein weiterer endete in Asbach. In der Folgezeit wurde das Angebot ausgebaut und der Fahrplan verdichtet. 1960 stellte man die Abfertigung von Stückgut in Obrigheim ein.
Abbildung rechts: In Obrigheim ausgegebene Fahrtkarte 3. Klasse (Sammlung Sebastian Parzer).




Abbildungen oben: Am 25. September 1971 fuhr letztmals ein (mit einer Dampflok bespannter) Personenzug auf der Strecke Aglasterhausen-Obrigheim (Sammlung: Sven Joh, Obrigheim).
Stilllegung
Da der Unterhalt der beiden bei Mörtelstein gelegenen Eisenbahntunnel sehr aufwändig war, legte man den Abschnitt Aglasterhausen-Obrigheim der Bahnlinie Anfang Herbst 1971 still. Auf diesem Teil der Strecke hatten schon in den Jahren davor keine Unterhaltungsmaßnahmen mehr stattgefunden. Die Züge wurden durch Busse ersetzt. Am 25. September 1971 verkehrte der letzte Zug zwischen Heideberg und Obrigheim. In Obrigheim brachten Bewohner an der Rauchkammertür der von der Bundesbahn bereits mit Sprüchen und Zeichnungen dekorierten Dampflokomotive als Abschiedsgruß einen Blumenstrauß an. Nach Einstellung des Bahnbetriebs wurde das Bahnhofsgebäude in Obrigheim abgerissen und Ende der 1970er Jahre die Gleise abgebaut. Im Zuge des Ausbaus der B 292 wurde Mitte der 1980er Jahren auch der Bahndamm größtenteils entfernt.
Bei einer Bewertung der Betriebszahlen der Bahnstation Obrigheim ist zu berücksichtigen, dass der Bahnhof früher doch recht weit vom Ort entfernt lag und gerade die Einwohner des Unterdorfs schneller am Neckarelzer Bahnhof waren und die Obrigheimer diesen lieber nutzten.
Quellen:
Archivquellen:
Generallandesarchiv Karlsruhe, 364, Zug. 1975-3, Nr. 10 (Protokoll über die Ortsbereisung vom 6. Oktober 1932)
Periodika:
Jahres-Bericht über die Eisenbahnen und die Dampfschifffahrt im Großherzogthum Baden 1893 (Tabelle 21 A).
Jahres-Bericht über die Staatseisenbahn und der Bodensee-Dampfschifffahrt im Großherzogtum Baden 1903 (Tabelle 22 A).
Zeitungen:
Badische Landeszeitung, 7. und 8. September 1892, 4. Mai 1893
Badische Neckarzeitung, 4. Mai 1893
Heidelberger Tageblatt, 4. Mai 1893 – Erstes Blatt
Heidelberger Zeitung, 22. Juli 1863
Karlsruher Zeitung, 10. Mai 1910
Neue Mosbacher Zeitung, 17. Mai 1952 (Fahrplan)
Rhein-Neckar-Zeitung – Ausgabe Mosbach, 05. Oktober 1960 (Fahrplan) sowie 10. und 29. September 1971
Staats-Anzeiger für das Großherzogthum Baden 1893, Nr. XV vom 29. April 1893, S. 159.
Zeitzeugengespräche:
Auskünfte von Günter Wittmann (Asbach) †
Auskünfte von Manfred Lintz (Obrigheim) †