Als ein Sonderzug nach Mosbach fuhr

Heute vor 150 Jahren wurde das erste Teilstück der „Odenwaldbahn“ eröffnet

von Dr. Sebastian Parzer (Erstveröffentlichung in der Rhein-Neckar-Zeitung 2012)

Abbildung: Das 1862 eröffnete Mosbacher Bahnhofsgebäude in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg (zeitgenössische Ansichtskarte im Besitz von Dr. Sebastian Parzer)

Der 22. Oktober 1862 war ein bedeutender Tag in der Geschichte der Stadt Mosbach. An diesem Tag wurde der erste Abschnitt der „Odenwaldbahn“ feierlich eröffnet. Rund drei Jahre zuvor war der Bau der Strecke von Heidelberg nach Würzburg begonnen worden, die über den Kraichgau, den Elzmündungsraum und das Bauland in die mainfränkische Metropole führte. Nach wiederholten Verzögerungen war das erste Teilstück im Herbst 1862 fertig­gestellt. Am 23. Oktober 1862 konnte auf der Strecke von Heidelberg nach Mosbach der Regelbetrieb aufgenommen werden. Einen Tag vor der Inbetriebnahme wurde die neue Bahnlinie feierlich eingeweiht. An diesem Tag fuhr ein von zwei Lokomotiven gezogener Sonderzug von Heidelberg nach Mosbach, dessen Passagiere sogar aus Mannheim, Karlsruhe und Freiburg kamen. An der Spitze der zahlreichen Ehrengäste standen der badische Innen­minister August Lamey und der badische Handelsminister Gideon Weizel. Trotz des kalten und regnerischen Herbstwetters warteten in den an der Strecke gelegenen Orten unzähligen Menschen auf die Ankunft des Schienenrosses. Immer wieder musste der Zug längere Pausen einlegen, so dass er erst um halb 2 Uhr nachmittags Mosbach erreichte. Am neuen Stations­gebäude, an dem die Feuerwehr und die örtlichen Gesangvereine Aufstellung genommen hatten, wurden die Gäste von Bürgermeister Häffner begrüßt. Fast alle Häuser der Stadt waren mit badischen und deutschen Fahnen beflaggt. Wegen der großen Zahl der Besucher musste das von zahlreichen Ansprachen und Hochs begleitete Festessen auf die Gasthöfe „Prinz Carl“, „Krone“ und „Badischer Hof“ verteilt werden.

In den Anfangsjahren verkehrten täglich vier Personenzüge zwischen Heidelberg und Mosbach. Nur wenige Tage nach der Eröffnung benutzen bereits zahlreiche Reisende die „Odenwald­bahn“, um die Messe in Heidelberg zu besuchen. Bis zum Jahresende betrug das Personen­aufkom­men des Mosbacher Bahnhof 16.028 Personen. Im gesamten Jahr 1863 nutzen dann 88.129 Personen die dortige Station. Das waren durchschnittlich immerhin mehr als 240 Fahrgäste pro Tag.

Außer für den Personenverkehr war die Eisenbahn damals für den Gütertransport von erheblicher Bedeutung. Für einige Jahre wurde die Stadt zum Eisenbahnendpunkt, in dem der gesamte Warenverkehr von der Rheinebene ins badische Hinterland umgeschlagen wurde. Im Herbst 1862 eröffneten mehrere im Speditionsgewerbe tätige Mosbacher Kaufleute Filialen in Mannheim. Im ersten vollständigen Betriebsjahr 1863 wurden in Mosbach 1067 Zentner Gepäck, 169.097 Zentner Frachtgut sowie 2021 Tiere ver- oder entladen. Rund zweieinhalb Jahre nach der Inbetriebnahme der Strecke war im Mai 1865 in der „Heidelberger Zeitung“ zu lesen: „Mit dem heutigen Frühzuge der Odenwaldbahn trafen, wie gewöhnlich jeden Dienstag, eine Anzahl Müller, Landwirthe und Fruchtmarkler ein, um in den Kaffeehäusern und anderen Wirtschaften mit Geschäftsgenossen von der Bergstraße und Neckarebene zusammen zu treffen und Getreide­geschäfte zu besprechen und abzuschließen. Von einem eigentlichen Fruchtmarkt mit größeren und kleineren Zufuhren ist längst keine Rede mehr; der Getreidehandel ist ein ganz anderer, denn früher geworden, und wird nur auf Bestellung Frucht geliefert.“

Mit dem Bahnanschluss konnte Mosbach seine führende Stellung unter den nord­badischen Städten weiter ausbauen. Ein Jahr nach der Eröffnung der Bahnstrecke wurde die Kommune zur Kreisstadt erhoben, wenn der damalige Kreis Mosbach von Größe und Zu­ständigkeit auch nicht mit dem heutigen Neckar-Odenwald-Kreis verglichen werden kann. 1864 folgte die Einrichtung des Kreisgerichts, das 1879 in ein Landgericht umgewandelt wurde.

Der Ausbau der Eisenbahn im Raum Mosbach ging in den Jahren nach der Eröffnung des Bahnhofs weiter. 1866 war die gesamte Strecke nach Würzburg fertiggestellt. Dreizehn Jahre später konnte die Neckartalbahn eröffnet werden. Und schließlich wurde in den Jahren 1903 bis 1905 die Nebenbahn nach Mudau geschaffen.

In den letzten 150 Jahren hat sich die Rolle des Schienenverkehrs im Elzmündung­s­raum geändert. Während der Gütertransport nahezu vollständig an Bedeutung verloren hat, sind es heute vor allem Berufspendler, Studenten und Schüler, die in Mosbach die Bahn nutzen.


Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner